Justine Otto. Other Collision | Museum Angerlehner
Mit Other Collisions widmet das Museum Angerlehner in Thalheim bei Wels der Künstlerin Justine Otto die erste museale Einzelausstellung in Österreich. Kuratiert von Antonio Rosa de Pauli, versammelt die Ausstellung vom 10. Oktober 2026 bis zum 21. März 2027 zentrale Arbeiten aus unterschiedlichen Werkphasen und gibt einen Einblick in ein Schaffen, das sich von großformatiger Malerei bis hin zur Skulptur erstreckt. Mit Galerievertretungen in Deutschland und den USA sowie zahlreichen internationalen Ausstellungen zählt Otto zu den herausragenden zeitgenössischen Künstlerinnen ihrer Generation.
Es sind eindrückliche Bildwelten, in die uns Justine Otto mit ihrer Kunst entführt. In ihren Gemälden und Skulpturen entwickelt die Künstlerin Körper, die sich gleich einem Gemenge aus Farbe, Fläche und Form aus ihrem Trägermaterial herausschälen und ebenso präsent wie im Verschwinden begriffen scheinen. Sie treten miteinander in Beziehung, überlagern sich, kollidieren gar, lösen sich in Fragmentierungen auf oder verbinden sich zu neuen Formen. Im Aufeinandertreffen dieser Körper, Formen und Bildfragmente entstehen fortwährend neue Konstellationen, in denen sich Bedeutungen verschieben und Bildräume zwischen Traum und Wirklichkeit, Vertrautem und Fremdem öffnen.
Der Ausstellungstitel verweist dabei auf eine künstlerische Herangehensweise, welche Otto über Jahre hinweg in ihren Bildern und Skulpturen entwickelt hat und ihr Werk bis heute prägt. Historische Figuren, Körperbilder, musikalische Verweise und alltägliche Beobachtungen treten in Wechselwirkung, treffen aufeinander, werden verändert und in neue Formen überführt. Es entstehen Kollisionen zwischen vertrauten Motiven, die erkennbar bleiben und zugleich ihre ursprüngliche Eindeutigkeit verlieren. Gerade aus diesem Spannungsfeld zwischen Wiedererkennen und Veränderung entsteht die besondere Kraft ihrer Arbeiten.
Der Titel beschreibt aber auch jene produktive Formbildung, die Ottos künstlerisches Verständnis prägt. Dieses erinnert an den Ethnologen und Anthropologen Claude Lévi-Strauss und dessen in seinem grundlegenden Buch "Das wilde Denken" entwickelten Überlegungen. Dieses Verständnis beruht demnach nicht auf der Anwendung eines vorgegebenen Systems, sondern auf dem Verbinden, Neuordnen und Wiederverwenden vorhandener Zeichen und Elemente. Die zentrale Figur dieses Denkens nannte Lévi-Strauss "bricoleur", die mit dem Vorgefundenem arbeitet und daraus neue Ordnungen entwickelt. Auch Justine Otto lässt sich in diesem Sinne als "bricoleur" verstehen. Sie greift kunsthistorische und popkulturelle Bildtraditionen ebenso auf, wie kulturelle Erinnerungen und visuelle Fragmente, löst diese aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen und führt sie in neue malerische und plastische Formen über. Ihre Arbeiten entstehen aus einem Prozess des Aufnehmens, Verschiebens und Neuformierens, in dem sich Bedeutungen fortwährend verändern.
Deutlich wird dies bereits in ihrer früheren Werkgruppe "Heroes & Hoaxes". Otto beschäftigt sich hier mit Bildern von Heldentum und Autorität und untersucht, wie solche Vorstellungen medial geprägt werden. Aus gewachsenen ikonografischen Bildern von Repräsentation entwickelt sie Figuren, deren ursprüngliche Bedeutung nicht aufgehoben, sondern durch gezielte Verschiebungen verändert wird. Historische Vorlagen werden aus ihren vertrauten Zusammenhängen gelöst, ihre Konstruktionen sichtbar gemacht und in neue Bildgefüge überführt. Dabei stellt sich die Frage, welche Darstellungen aus welchen Gründen weiterverwendet werden, ohne dass dies hinterfragt wird. Der Titel "Heroes & Hoaxes" beschreibt dabei genau diesen Schwebezustand zwischen heroischer Überhöhung und bewusster Verfremdung, der die Betrachtenden mit der Frage zurücklässt, was eigentlich hinter vermeintlich gefestigten Bildern steckt.
Mit ihrer neuesten Werkgruppe "Multiple Players" führt Otto diese Auseinandersetzung weiter. Der Titel verweist auf eine Vielzahl von Figuren und eröffnet zugleich ein Spannungsfeld zwischen Bewegung, Musik und Gemeinschaft. Es sind zum Teil größere Ansammlungen von Menschen, die sich vermischen, sich wieder voneinander lösen und dennoch ihre Eigenständigkeit bewahren. Darin zeigt sich einerseits die Abstraktion und Anonymität einer Menschenmenge, wie sie beispielsweise in "Crowds I-III" sichtbar werden, sowie in "Step by Step" in welchen Otto lediglich die Füße einer scheinbar bewegten Masse festhält. Andererseits zeigt die Künstlerin einzelne Figuren, in denen sich Gesten wiederholen, Körperteile überlagern und Bewegungsabläufe in Farbe und Form übersetzt werden. Ottos Malerei hält dabei nicht nur einen Augenblick fest, sondern macht Zeitlichkeit als Rhythmus, Wiederholung und Bewegung sichtbar.
Was sich in Ottos Malerei als Überlagerung von Figuren, Formen und Bildfragmenten zeigt, findet in ihren Skulpturen eine körperliche Entsprechung. Fragmentierte und zugleich eigenwillige Figuren treten in den Ausstellungsraum. Ein Bouquet aus einzelnen Beinen, Gesichtern mit Cowboyhüten, schwebenden Augen und rauchenden Zigaretten sowie mit Seilen und Sporen versehene Körperfragmente lösen vertraute ikonografische Bildtraditionen und die geschlossene Form des menschlichen Körpers auf. Die Skulpturen erscheinen dabei nicht als abgeschlossene Einheiten, sondern als raumgewordene, wandelbare Gefüge einzelner Elemente, die durch ihre Neuordnung eine veränderte Präsenz erhalten. Es ist gerade diese Koexistenz unterschiedlicher Formen und Bedeutungen, die Ottos gesamtes künstlerisches Schaffen prägt. Figurative Passagen stehen neben abstrakten Bildräumen, historische Referenzen neben alltäglichen Beobachtungen, Humor neben Ernst. Keine dieser Ebenen wird hierarchisch geordnet oder einer anderen untergeordnet.
Die Spannung ihrer Arbeiten entsteht aus dem Zusammenspiel verschiedener Elemente, die nebeneinander bestehen und sich gegenseitig verändern. Im Zentrum steht dabei die Fähigkeit, Vertrautes aus seinem ursprünglichen Zusammenhang zu lösen und in neue Formen zu überführen, ohne es auf eine eindeutige Lesart festzulegen. "Other Collisons" ist damit nicht nur der Titel der Ausstellung, sondern beschreibt auch die Offenheit von Ottos künstlerischem Verständnis, in welchem kollisionshaft Bilder, Körper, Erinnerungen und kulturelle Fragmente aufeinandertreffen und immer neue Konstellationen bilden. Gerade darin liegt die Kraft ihrer Arbeiten - sie führen vor Augen, dass Bedeutungen nicht feststehen, sondern sich durch Verschiebungen, Überlagerungen und neue Zusammenhänge fortwährend verändern.
Zur Künstlerin:
Justine Otto (*1974 in Zabrze, Polen)
studierte an der Städelschule in Frankfurt am Main bei Peter Angermann und Michael
Krebber, welches sie 2003 abschloss. 2014 erhielt sie unter anderem den
renommierten Emerging Artist Prize der Phillips Collection in Washington D.C. Ihre
Arbeiten wurden in zahlreichen internationalen Ausstellungen und Institutionen
präsentiert, darunter in der Berlinischen Galerie, der Kunsthalle der
Hypo-Kulturstiftung München, der Kunsthalle Wilhelmshaven, dem Landesmuseum
Darmstadt, dem Museum Franz Gertsch in Burgdorf, der National Gallery in Bukarest,
dem Yeltsin Center in Jekaterinburg, dem Gyeongnam Art Museum in Changwon, dem
Torrance Art Museum in Los Angeles sowie dem Goethe-Institut in Washington
D.C.
Weitere internationale Ausstellungsbeteiligungen führten sie unter anderem nach
Paris, London, Kopenhagen, Madrid oder Kairo. 2024 zeigte sie ihre Arbeiten bei
einer Einzelausstellung bei Hollis Taggart in New York, 2025 war sie unter anderem
im Torrance Art Museum in Los Angeles und in der Municipal Gallery Poznań
vertreten. Justine Otto lebt und arbeitet in Hamburg.
Ausstellungsdauer: 10. Oktober 2026 bis 21. März 2027 | Galerieräume
I und II
Ausstellungseröffnung: 10. Oktober 2026, 15:00 Uhr
Öffnungszeiten: Samstag 14:00 - 18:00 Uhr, Sonntag 10:00 - 18:00
Uhr
Montag bis Freitag auf Anfrage (nur für Gruppen)